{"id":1282,"date":"2017-01-14T06:00:43","date_gmt":"2017-01-14T05:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.samita.be\/?p=1282"},"modified":"2017-01-13T19:53:54","modified_gmt":"2017-01-13T18:53:54","slug":"the-art-of-fighting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.samita.be\/de\/2017\/01\/14\/the-art-of-fighting\/","title":{"rendered":"Die Kunst zu k\u00e4mpfen"},"content":{"rendered":"<p><em>(von Silvie Wei\u00dfkircher)<\/em><\/p>\n<p><em>Erstmals ver\u00f6ffentlicht 2014 in der Zeitschrift &#8222;Gegenwart&#8220; des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_1552\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/silvie-diekunstzuk\u00e4mpfen-web.mp3\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1552\" class=\"size-thumbnail wp-image-1552\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/cover-kunst-zu-k\u00e4mpfen-online-r2-150x150.jpg\" alt=\"Zum H\u00f6ren der Audio-Version auf das Bild klicken.\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/cover-kunst-zu-k\u00e4mpfen-online-r2-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/cover-kunst-zu-k\u00e4mpfen-online-r2.jpg 234w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1552\" class=\"wp-caption-text\">Zum H\u00f6ren der Audio-Version auf das Bild klicken.<\/p><\/div>\n<p>Erblindet zu sein, empfinde ich wie ein Vakuum zwischen zwei Welten. Die eine kann ich nicht ganz loslassen, die andere ist mir noch immer ein wenig fremd. Ich bin mir nie sicher, ob mein Halbwissen ausreicht, um die Spielregeln beider Welten zu verstehen und meinen Platz darin zu finden.<\/p>\n<p>Die Geheimnisse und Sch\u00e4tze der Wahrnehmung ohne Sehen blieben mir lange Zeit verborgen. Als ich als Zwanzigj\u00e4hrige an einem angeborenen und lange unentdeckten Gr\u00fcnen Star erblindete, war ich erst einmal viel zu sehr damit besch\u00e4ftigt, mich in einer fast ausschlie\u00dflich visuell organisierten Umgebung zurechtzufinden. Dass das Wort &#8222;blind&#8220; h\u00e4ufig negativ besetzt ist, verst\u00e4rkte mein ohnehin schon mulmiges Gef\u00fchl in dieser Zwischenwelt. Man spricht von Blindg\u00e4ngern, blindlings, betriebsblind, blinder Liebe und blinder Wut. Diese Liste lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen. So bot ich viele Jahre lang eine Menge Kreativit\u00e4t auf, um meine hochgradige Sehbehinderung zu verstecken. Dass ich damit einen Teil meiner Identit\u00e4t verleugnete, nahm ich &#8222;mit zwei zugedr\u00fcckten Augen&#8220; in Kauf. Seit ich mit Anfang 30 ohne Langstock oder F\u00fchrhund nicht einmal mehr in gewohnter Umgebung alleine unterwegs sein kann, ist dem Gemogel allerdings ein Ende gesetzt.<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr mich anfangs schwierig, mit den neugierigen und oft grenz\u00fcberschreitenden Fragen von Passanten umzugehen. Wie wahre ich meine Privatsph\u00e4re, ohne dabei abweisend zu wirken? Und was sage ich, wenn meine Assistentin gefragt wird, was ich trinken m\u00f6chte?<\/p>\n<p>Inspirierende Anregungen bot mir die chinesische Kampfkunst Wing Tsun, die ich seit 21 Jahren erlerne. Beim Wing Tsun geht es nicht darum, einfach draufzuhauen, sondern es gibt eine nicht unwesentliche mentale Ebene. In der chinesischen Schrift wird das gleiche Zeichen f\u00fcr Krise und Chance benutzt. Dahinter steckt die Philosophie, die Perspektive stets darauf zu richten, was geht, ohne der Trauer \u00fcber das, was nicht mehr geht, den Raum zu nehmen. Denn wenn wir unsere Trauer \u00fcber einen Verlust nicht ausleben, haben wir nur eine andere Form der Verdr\u00e4ngung gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Beim Wing Tsun lernte ich, handlungsf\u00e4hig zu bleiben, ganz gleich, ob ich verbal oder k\u00f6rperlich, s\u00fcffisant oder brutal angegriffen werde. Ein Angreifer m\u00f6chte in der Regel nicht k\u00e4mpfen, sondern siegen. Er sucht in mir keine Gegnerin, sondern ein Opfer. Beim Wing Tsun ist Blindheit geradezu ein Vorteil, da es um blitzschnelle Reaktionen auf taktile Reize geht. Es ermutigte mich, dass die h\u00f6chstgraduierten Meister der Welt mit verbundenen Augen trainieren. Ich erlernte erstaunlich einfache Techniken mit immenser Wirkung. Seit 18 Jahren unterrichte ich selbst und geh\u00f6re mit dem Ehrentitel Lady-Sifu und dem vierten Trainergrad zu den zehn anerkanntesten Frauen dieses Stils weltweit.<\/p>\n<p>Die Philosophien der Kampfkunst schenkten mir viel Freiheit und Leichtigkeit. In meinen Wing Tsun-Schulen gebe ich dieses Lebensgef\u00fchl weiter. Dabei geht es darum, mit der Welt umzugehen, wie sie ist, und nicht darauf zu hoffen, dass sie zu der wird, die wir uns w\u00fcnschen. Wegen meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung liegt mir die Arbeit mit blinden und sehbehinderten Menschen jeden Alters besonders am Herzen.<\/p>\n<p>In Situationen, in denen ich fr\u00fcher erschrocken und verlegen reagiert h\u00e4tte, bin ich dank Wing Tsun souver\u00e4ner geworden. Wenn mich und meine Begleitung heute ein Passant schroff darauf hinweist, dass wir unseren Wagen auf einem Behindertenparkplatz abgestellt haben, noch bevor ich meiner H\u00fcndin ihr F\u00fchrgeschirr \u00fcberziehen konnte, bedanke ich mich f\u00fcr den Hinweis und lobe seine Wachsamkeit.<\/p>\n<p>Silvie Wei\u00dfkircher (55) lebt auf einem kleinen Pferdehof im Saarland und arbeitet neben der Leitung ihrer Wing Tsun-Schulen als freiberufliche K\u00fcnstlerin und Gesangslehrerin.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1572\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/silvie.jpg\" alt=\"\" width=\"459\" height=\"620\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/silvie.jpg 459w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/silvie-222x300.jpg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 459px) 100vw, 459px\" \/><\/p>\n<p>Dazu ein Bild: Eine br\u00fcnette Frau mittleren Alters steht neben einem Pferd und schmiegt sich an seinen gro\u00dfen Kopf. Strahlend umfasst sie den Pferdekopf, ihre beringte Hand ber\u00fchrt z\u00e4rtlich die wei\u00dfe Blesse des Tieres.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Silvie Wei\u00dfkircher) Erstmals ver\u00f6ffentlicht 2014 in der Zeitschrift &#8222;Gegenwart&#8220; des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V. Erblindet zu sein, empfinde ich wie ein Vakuum zwischen zwei Welten. Die eine kann ich nicht ganz loslassen, die andere ist mir noch&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.samita.be\/de\/2017\/01\/14\/the-art-of-fighting\/\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1282","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1282","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1282"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1282\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1765,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1282\/revisions\/1765"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1282"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1282"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1282"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}