{"id":3703,"date":"2018-03-19T13:42:36","date_gmt":"2018-03-19T12:42:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.samita.be\/?p=3703"},"modified":"2018-08-08T09:31:22","modified_gmt":"2018-08-08T07:31:22","slug":"separate-but-equal-the-ideal-doctrine-for-monastics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.samita.be\/de\/2018\/03\/19\/separate-but-equal-the-ideal-doctrine-for-monastics\/","title":{"rendered":"\u201eGetrennt, aber gleich\u201c, die ideale Formel f\u00fcr das kl\u00f6sterliche Leben?"},"content":{"rendered":"<p><em>(Von Ayya Vimala; deutsch von Anagarika Sabbamitta)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/discourse.suttacentral.net\/t\/separate-but-equal-the-ideal-doctrine-for-monastics\/8805?u=sabbamitta\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Originalartikel<\/a><\/p>\n<p>Man kann unsere spirituelle Praxis nicht getrennt von der Welt betrachten, in der wir leben, und unsere heutige westliche Welt ist von der Indiens zur Zeit des Buddha grundverschieden. Der Vinaya, der Satz an Ordensregeln, oder genauer gesagt an Richtlinien f\u00fcr unsere Praxis, ist jedoch flexibel genug, um sich Ver\u00e4nderungen anzupassen; wir sehen an zahllosen Beispielen, dass der Buddha unter bestimmten Umst\u00e4nden Regeln abgemildert hat oder dass er als Reaktion auf neue Entwicklungen neue Regeln erlassen hat.<\/p>\n<p>Allerdings wurde der Vinaya, als er irgendwann nach der Zeit des Buddha kanonisiert wurde, eingefroren, und seitdem wurde nichts mehr ge\u00e4ndert. Wie sollen wir aber dann in dieser Welt, die so anders ist, praktizieren? Wie k\u00f6nnen wir uns in ein 2500 Jahre altes System einf\u00fcgen, wo unsere Gesellschaft mit der Zeit so viele soziokulturelle Ver\u00e4nderungen erfahren hat? Wieviel wurde tats\u00e4chlich nach dem Tod des Buddha an den Texten ge\u00e4ndert, und warum? Wie gehen wir mit anderen Menschen und mit den Unterweisungen auf sinnvolle Weise um, so dass wir uns gegenseitig in der Praxis unterst\u00fctzen k\u00f6nnen? Und wie gehen wir mit Aspekten dieses Systems um, die mit sozialen Werten kollidieren? Das sind Fragen, mit denen viele Ordinierte zu k\u00e4mpfen haben, und obwohl ich hier keine vollst\u00e4ndige Abhandlung geben kann, m\u00f6chte ich gerne einen Aspekt herausgreifen, den ich f\u00fcr entscheidend f\u00fcr das Wachstum des Buddhismus in der westlichen Welt halte.<\/p>\n<p>\u201eGetrennt, aber gleich\u201c, das klingt nach der idealen Situation f\u00fcr das Leben im Kloster heutzutage, und es ist zweifellos das, worum sich viele Ordinierte bem\u00fchen. M\u00f6nche und Nonnen leben in getrennten Kl\u00f6stern, sie haben jeweils ihren eigenen Platz, sind aber v\u00f6llig gleichberechtigt.<\/p>\n<p>Aber ist das realistisch, oder ist dieses Konzept zu idealistisch? Vielleicht sollten wir uns einmal die Geschichte anschauen, um zu sehen, was es mit diesem Konzept \u201egetrennt, aber gleich\u201c tats\u00e4chlich auf sich hat, und was wir vielleicht von der Art und Weise lernen k\u00f6nnen, in der es das Leben anderer Menschen in der Vergangenheit beeinflusst hat.<\/p>\n<h2>USA<\/h2>\n<p>In den USA war \u201egetrennt, aber gleich\u201c eine Doktrin in der Verfassung der Vereinigten Staaten, nach der Rassentrennung nicht die 14. \u00c4nderung der amerikanischen Verfassung von 1868 verletzte, die allen B\u00fcrgern unter dem Gesetz den \u201egleichen Schutz\u201c garantierte. Unter dieser Doktrin konnten der Staat und regionale Verwaltungen verlangen, dass Dienstleistungen, Einrichtungen, \u00f6ffentliche Unterk\u00fcnfte, Wohnungen, medizinische Versorgung, Erziehung, Besch\u00e4ftigung und Personenbef\u00f6rderung nach Rassen getrennt wurden, solange f\u00fcr jede Rasse gleichwertige M\u00f6glichkeiten angeboten wurden.<\/p>\n<p>Die Doktrin \u201egetrennt, aber gleich\u201c wurde zuerst in dem ber\u00fchmten Fall Plessy gg. Fergusson von 1896 vertreten, in dem ein Gesetz des Staates Louisiana best\u00e4tigt wurde, das wei\u00dfe und farbige Passagiere zwang, in getrennten Eisenbahnwaggons zu reisen.<\/p>\n<p>Die Entscheidung des Obersten Bundesgerichts von 1954 im Fall Brown gg. Bildungsausschuss hob die Plessy-Entscheidung f\u00fcr den Bereich der Bildung ausdr\u00fccklich auf. Dieser gefeierte Fall stellte fest, dass <strong>getrennte Schulen f\u00fcr Kinder unterschiedlicher Rassen de facto ungleich seien, da eine solche Trennung ein \u201eGef\u00fchl der Unterlegenheit\u201c entstehen lasse<\/strong>. (1)<\/p>\n<h2>S\u00fcdafrika<\/h2>\n<p>Die Doktrin \u201egetrennt, aber gleich\u201c wurde auch in S\u00fcdafrika in den 1950er Jahren entwickelt. Seit er 1954 an die Macht kam, hat Premierminister Strijdom versucht, eine Politik von \u201egetrennt, aber gleich\u201c durchzusetzen, die auch unter dem Begriff \u201eApartheid\u201c bekannt war (was w\u00f6rtlich \u201eAussonderung\u201c bedeutet). Ein Artikel von Robert Neumann aus dem Jahr 1957 stellt einen Angriff auf Strijdoms Politik dar und zeigt, dass es in dieser Doktrin eine Menge \u201egetrennt\u201c gibt, aber nicht viel \u201egleich\u201c. (2)<\/p>\n<p>Beide F\u00e4lle haben gezeigt, dass bei der Rassenfrage die Doktrin \u201egetrennt, aber gleich\u201c an sich bereits Ungleichheit erzeugt, und dass sie ganz besonders Unterlegenheitsgef\u00fchle in der Gruppe erzeugt, die als weniger w\u00fcnschenswert angesehen wird.<\/p>\n<p>Aber was ist eigentlich das Problem bei diesem Konzept? Das Problem ist, dass ein solches Konzept immer einer Gruppe von einer anderen aufgezwungen wird, die sich selbst als \u00fcberlegen empfindet, aber gleichzeitig ein starkes Bed\u00fcrfnis hat, sich vor Einfl\u00fcssen, die ihr bedrohlich erscheinen, zu sch\u00fctzen. Das geht auf eine tiefverwurzelte Furcht vor dem \u201eb\u00f6sen Anderen\u201c zur\u00fcck, eine Furcht und ein Misstrauen, die sich auf das richten, was als fremd oder unbekannt wahrgenommen wird und unser \u00dcberleben oder das unserer Gruppe bedroht.<\/p>\n<p>Mehrere ber\u00fchmte Experimente wie \u201eEine geteilte Klasse\u201c (\u201e<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/A_Class_Divided\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">A Class Divided<\/a>\u201c) von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jane_Elliott\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jane Elliott<\/a> und das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stanford-Prison-Experiment\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stanforder Gef\u00e4ngnisexperiment<\/a> (\u201e<a href=\"http:\/\/www.prisonexp.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stanford Prison Experiment<\/a>\u201c) haben gezeigt, dass das Risiko des Missbrauchs viel zu hoch ist; es gibt eine viel zu gro\u00dfe Gefahr, dass sich Unterlegenheits-\u201eAbzeichen\u201c entwickeln, unabh\u00e4ngig davon, welche Gruppe den schlimmsten Schlag zu verkraften hat.<\/p>\n<p>Sobald man zwei Gruppen gegeneinander abgrenzt, wird eine als h\u00f6her angesehen werden. Uns mit anderen zu vergleichen ist eine Grundfunktion unseres Geistes, die zu einer falschen Selbsteinsch\u00e4tzung f\u00fchrt. Sobald wir denken, wir seien h\u00f6her oder niedriger als jemand anders oder sogar gleich, sch\u00e4tzen wir uns falsch ein. Wie der Geist beurteilt, was h\u00f6her und was niedriger ist, hat seine Wurzeln in unserer Konditionierung, die zu diesen falschen Wahrnehmungen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wie wir an den Beispielen dieser beiden L\u00e4nder gesehen haben, ist \u201egetrennt, aber gleich\u201c keineswegs gleich, und selbst nach seiner offiziellen Abschaffung bleibt das Konzept so tief eingepr\u00e4gt, dass die verschiedenen Gruppen und die damit verbundenen Assoziationen bestehen bleiben.<\/p>\n<p>Es stellt sich dann die Frage, ob die \u201egetrennt, aber gleich\u201c-Doktrin, nachdem sie f\u00fcr die Rassenfrage abgeschafft wurde, f\u00fcr die Geschlechterfrage zul\u00e4ssig ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Rassentrennung in den Vereinigten Staaten jetzt ausdr\u00fccklich verboten ist, ist das f\u00fcr Geschlechtertrennung nicht der Fall. Es gibt noch geschlechtsspezifische Schulen, und dar\u00fcber haben sich in den letzten Jahren etliche Debatten entz\u00fcndet. Die gegenw\u00e4rtige Diskussion um die Monoedukation st\u00fctzt sich dabei auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern selbst und scheint damit diese Frage in einen gr\u00f6\u00dferen Rahmen zu r\u00fccken\u2014hin zu der Frage, inwiefern M\u00e4nner und Frauen gleich sind, und inwiefern sie so ungleich sein k\u00f6nnen, dass Unterschiede im Recht, sich politisch einzumischen, und in den B\u00fcrgerrechten gerechtfertigt sind. (1)<\/p>\n<h2>Vereinigtes K\u00f6nigreich<\/h2>\n<p>Ein interessanter Fall, der zum Pr\u00e4zedenzfall werden k\u00f6nnte, ereignete sich vor einigen Monaten in England. (3)<\/p>\n<blockquote><p>Im Fall Leitender Inspektor I.M. f\u00fcr Bildung, Kindergottesdienste und Fertigkeiten gg. die Al Hijrah-Schule hat das Berufungsgericht geurteilt, dass Geschlechtertrennung in der Erziehung diskriminierend ist. Die Al Hijrah-Schule ist eine freiwillige gemischte F\u00f6rderschule islamischer Konfession in Birmingham, in der Kinder zwischen 4 und 16 Jahren unterrichtet werden. Ab dem 9. Lebensjahr werden Jungen und M\u00e4dchen bei der Ankunft getrennt und durchlaufen ihren Unterricht und den gesamten Schulalltag v\u00f6llig getrennt voneinander; beim Essen, beim Sport und bei anderen Schulaktivit\u00e4ten und sogar wenn sie sich auf den Fluren bewegen, sind sie getrennt und haben keine M\u00f6glichkeit, sich untereinander zu mischen oder Kontakte zu kn\u00fcpfen. Geschlechtertrennung in gemischten Schulen ist sehr ungew\u00f6hnlich, aber kein Einzelfall: Es gibt in England ca. 25 solcher Schulen (alle konfessionelle Schulen, aber j\u00fcdische und christliche ebenso wie islamische). <strong>Im letzten Jahr ist das Amt f\u00fcr Standards im Bildungswesen (office for standards in education, Ofsted) zu dem Schluss gelangt, dass die Geschlechtertrennung an der Al Hijrah-Schule diskriminierend sei, obwohl beide Geschlechter fast identischen Zugang zum vollen Lehrplan hatten.<\/strong> Das Oberste Gericht hat das Recht der Schule, ihre Sch\u00fcler (in \u00dcbereinstimmung mit den W\u00fcnschen der Eltern) zu trennen, untermauert. Jedoch\u2014das Berufungsgericht hat entschieden, dass die Schule damit gegen das Gleichberechtigungsgesetz von 2010 verst\u00f6\u00dft, da es sich um direkte sexuelle Diskriminierung handelt.<\/p>\n<p>Das Urteil des Gerichts gr\u00fcndete auf einem einfachen, aber irref\u00fchrenden Argument: Eine Sch\u00fclerin, die einen Sch\u00fcler treffen oder mit ihm Kontakt kn\u00fcpfen m\u00f6chte, wird daran wegen ihres Geschlechts gehindert, eines Merkmals, das unter den Schutz des Gleichberechtigungsgesetzes von 2010 f\u00e4llt; h\u00e4tte sie dieses Merkmal nicht und w\u00e4re ein Junge, k\u00f6nnte sie alle anderen Jungen treffen und mit ihnen Kontakte kn\u00fcpfen. Ebenso ist es, wenn ein Sch\u00fcler eine Sch\u00fclerin treffen oder mit ihr Kontakt kn\u00fcpfen m\u00f6chte; auch er wird daran wegen seines Geschlechts gehindert. Weil beide Gruppen (d. h. Jungen und M\u00e4dchen) in ihrer Erziehung vom gleichen Nachteil betroffen sind, hat das Oberste Gericht daraus geschlossen, dass es keine Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern gibt und demzufolge auch keine sexuelle Diskriminierung. Am Berufungsgericht kamen jedoch alle drei beteiligten Richter zu dem Schluss, dass diese Einschr\u00e4nkung der Freiheit der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, Kinder des anderen Geschlechts zu treffen oder mit ihnen Kontakte zu kn\u00fcpfen, ihrer Erziehung abtr\u00e4glich ist, und ein solcher Nachteil erfolgt\u2014im Fall jedes einzelnen Jungen oder M\u00e4dchens\u2014\u201ewegen des Geschlechts\u201c und stellt somit eine rechtswidrige direkte sexuelle Diskriminierung im Bildungsangebot dar (entgegen den Abschnitten 13 und 85 (2)(a), (b), (d) und (f) des Gleichberechtigungsgesetzes). Das Berufungsgericht st\u00fctzt sich dabei auf das Urteil des Obersten Gerichtshofs f\u00fcr England und Wales im Fall Coll gg. Justizstaatssekret\u00e4r (vom Mai 2017), in dem <strong>anerkannt wurde, dass getrennte, aber gleiche Behandlung nichtsdestotrotz diskriminierend sein kann<\/strong>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun gibt es hier verschiedene interessante Parallelen:<\/p>\n<ol>\n<li>Zun\u00e4chst ist es bemerkenswert, dass in dem Artikel erw\u00e4hnt wird, dass alle Schulen, in denen diese Art von Trennung vorkommt, konfessionelle Schulen sind, j\u00fcdisch, christlich oder islamisch, was impliziert, dass die Trennung ihre Wurzeln in religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen hat. In unserem kl\u00f6sterlichen Orden hat die Trennung ganz offensichtlich ebenfalls ihre Wurzeln in der religi\u00f6sen Lehre, und ich m\u00f6chte darauf sp\u00e4ter zur\u00fcckkommen.<\/li>\n<li>Als Zweites wird ausdr\u00fccklich festgestellt, dass es sich, wenn ein M\u00e4dchen einen Jungen treffen oder mit ihm Kontakt kn\u00fcpfen m\u00f6chte oder umgekehrt und daran wegen ihres \/ seines Geschlechts gehindert wird, um Diskriminierung handelt, unabh\u00e4ngig von der Gleichbehandlung beider Gruppen. Genau das Gleiche geschieht im buddhistischen Orden. Somit besagt dieser Artikel, dass zumindest in England manche buddhistische kl\u00f6sterliche Einrichtungen nicht gesetzeskonform sind.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber die Sache hat einen Haken, denn es gibt in England noch reine Jungen- oder M\u00e4dchenschulen, und diese gelten als legal. Besagtes Urteil bezog sich lediglich auf F\u00e4lle, in denen beide Geschlechter in der gleichen Einrichtung vertreten sind.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir bei der Rassenfrage zu Recht argumentieren konnten, dass \u201egetrennt, aber gleich\u201c nur dem Namen nach existierte, es aber in der Praxis keine gleichen M\u00f6glichkeiten und Chancen gab, greift dieses Argument in diesem Fall nicht mehr.<\/p>\n<blockquote><p>Lediglich die abweichende Richterin kam allerdings zu dem Schluss, dass Geschlechterdiskriminierung in gemischten Schulen M\u00e4dchen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig st\u00e4rker diskriminiert, da f\u00fcr M\u00e4dchen in einer Gesellschaft, in der Frauen die machtlosere Gruppe waren und noch immer sind, daraus nachteiligere praktische und symbolische Folgen erwachsen. Richterin Gloster stimmte Ofsted zu, dass ein Bildungssystem, das Geschlechtertrennung innerhalb gemischter Schulen aufrechterh\u00e4lt, so dass es f\u00fcr beide Gruppen\u2014ab einem Alter, in dem sie daf\u00fcr empf\u00e4nglich sind\u2014nat\u00fcrlich wird, eigenst\u00e4ndige soziale und berufliche Netzwerke ausschlie\u00dflich mit ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen und -genossen zu bilden, dazu f\u00fchrt, dass Frauen im sp\u00e4teren Leben im Vergleich zu M\u00e4nnern ins Hintertreffen geraten, da Frauen immer noch unterdurchschnittlichen Zugang zu Macht- und Einflussstrukturen haben. Mit anderen Worten, <strong>Geschlechtertrennung verst\u00e4rkt Klischees \u00fcber die Unterlegenheit von Frauen oder \u00fcber ihren wahrgenommenen Platz in einer Gesellschaft, in der \u00fcberwiegend M\u00e4nner Macht aus\u00fcben<\/strong>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber trifft diese letzte Schlussfolgerung nicht genauso zu, wenn die Geschlechtertrennung in getrennten Einrichtungen erfolgt?<\/p>\n<p>In religi\u00f6sen Einrichtungen scheint eine Furcht vor unangemessenen sexuellen Beziehungen zu herrschen, und diese \u00c4ngste liegen dieser Art von Trennung zugrunde. Aber inwieweit trifft so etwas in einer Welt, in der Geschlechteridentit\u00e4ten zunehmend neu definiert werden, noch zu? Es ist ein Mythos, dass Menschen nur vom anderen Geschlecht angezogen w\u00fcrden, und Menschen wie ich selbst und andere LGBTQINs passen weder ohne weiteres in ein M\u00f6nchs- noch in ein Nonnenkloster.<\/p>\n<p>Aber wichtiger noch: woher kommen solche \u00c4ngste? In den Fr\u00fchbuddhistischen Texten sehen wir, dass die K\u00f6rperbetrachtung ge\u00fcbt wird, indem man sich auf den absto\u00dfenden Charakter des eigenen K\u00f6rpers einstellt und indem man verwesende Leichen betrachtet und sich dabei sagt \u201eauch ich werde eines Tages so werden\u201c. Diese Praxis hat sich sp\u00e4ter jedoch dahingehend entwickelt, dass M\u00f6nche die Widerw\u00e4rtigkeit des K\u00f6rpers einer Frau betrachten, um ihr sinnliches Verlangen zu \u00fcberwinden. Dabei projizieren sie ihre eigenen Unreinheiten auf Frauen und sehen diese als absto\u00dfend und als die Ursache eben dieses Verlangens an. Es muss daher nicht \u00fcberraschen, wenn sich eine Furcht vor Frauen als den \u201eb\u00f6sen Anderen\u201c findet, die M\u00f6nche vom spirituellen Leben weglocken, und diese Vorstellung scheint in traditionellen buddhistischen L\u00e4ndern heute noch sehr lebendig zu sein. Frauen werden als Bedrohung f\u00fcr das M\u00f6nchsleben angesehen und sollten deshalb abgesondert werden.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen buddhistischen Texten sehen wir, dass der Buddha radikal von der Norm abwich und alle wahrgenommenen Unterschiede in Bezug auf Rasse und Kaste, die in seiner Gesellschaft herrschten, abschaffte. Sobald jemand dem Sangha beitrat, gab es keinen Unterschied mehr. Heute ist diese Situation allerdings in vielen traditionellen buddhistischen L\u00e4ndern ganz anders: Es gibt da heute Hierarchien, die auf Gesellschaftsschichten beruhen. (4) Offensichtlich sind diese sozialen Gebilde irgendwann nach dem Buddha allm\u00e4hlich wieder in den Sangha eingesickert. Es ist daher nicht zu weit hergeholt, wenn wir annehmen, dass das Gleiche auch bei der Geschlechterfrage geschehen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber in unserem Fall haben wir im Zusammenhang mit dem kl\u00f6sterlichen Sangha hier nat\u00fcrlich ein Problem. Es ist klar, dass mit der blo\u00dfen Definition eines Bhikkhu- und eines Bhikkhun\u012b-P\u0101timokkha im Vinaya die Trennung bereits festgeschrieben ist. Was wir jedoch nicht wissen ist, wie genau diese Texte zu uns gekommen sind und wie sie ihre heutige Form erhalten haben. Wir wissen, dass der Bhikkhun\u012b-P\u0101timokkha verloren war und sp\u00e4ter aus einem Kommentar rekonstruiert wurde. Was wir nicht wissen ist, wie er sich in der Zeit zwischen dem Parinibb\u0101na des Buddha und der Niederschrift des Kommentars ver\u00e4ndert hat, oder gar woher die Verfasser des Kommentars ihre Information hatten.<\/p>\n<p>Im letzten Jahrzehnt wurde dar\u00fcber hervorragende Forschungsarbeit geleistet, insbesondere vom Ehrw. An\u0101layo u.a., aber es ist noch mehr Arbeit n\u00f6tig, um zu kl\u00e4ren, inwiefern nach dem Tod des Buddha Ver\u00e4nderungen vorgenommen wurden.<\/p>\n<p>Bhante Sujato zeigt in <em>Bhikkhun\u012b Vinaya Studies<\/em> (5), dass der Vinaya, im Unterschied zum Gro\u00dfteil der Suttas, nach der Zeit des Buddha wesentlich mehr Ver\u00e4nderungen erfahren hat. Der gr\u00f6\u00dfte Teil des Vinaya ist wahrscheinlich als eine sp\u00e4tere Entwicklung zum Zweck des Unterrichts und Trainings zu betrachten. Lediglich den Bhikkhu-P\u0101timokkha k\u00f6nnen wir so, wie wir ihn heute haben, als authentisch ansehen, und er ist in allen Schulen gleich. In den Suttas wird nur der P\u0101timokkha als Leitfaden genannt, an dem sich die Ordinierten orientieren sollten.<\/p>\n<p>Der \u201eBhikkhun\u012b-P\u0101timokkha\u201c selbst wird in den Suttas \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt. In einigen Texten des A\u1e45guttara Nik\u0101ya ist lediglich die Rede von \u201ebeiden P\u0101timokkhas\u201c, aber alle diese Stellen haben keine Parallelen in einer der anderen Schulen. Ich will nicht so weit gehen und behaupten, dass sie daher als sp\u00e4tere Einf\u00fcgung anzusehen sind, aber es ist ein Hinweis.<\/p>\n<p>Den Vibhanga kann man in seinen fr\u00fchen Anf\u00e4ngen wahrscheinlich bis zur Zeit des Buddha selbst zur\u00fcckverfolgen, da zweifelsohne Interpretationen der P\u0101timokkha-Regeln im Sangha diskutiert worden sein werden, und das wurde danach fortgesetzt. Zu bemerken ist hier auch die Rolle des zweiten Konzils in diesem Bearbeitungsprozess. (5)<\/p>\n<blockquote><p>In der textlichen Entwicklung der Vinayas ist das zweite Konzil von herausragender Bedeutung. Es ist das einzige Gro\u00dfereignis in der buddhistischen Geschichte, bei dem es ausschlie\u00dflich um eine Kontroverse \u00fcber Vinayafragen geht. Der Sieg der P\u0101veyyakas, der \u201eunerbittlichen&#8220; Partei beim zweiten Konzil, passt widerspruchsfrei zu einem Szenario, das die systematische Zusammenstellung der Vinayatexte diesem Zeitabschnitt zuschreibt. Obwohl die kanonischen Berichte nicht enth\u00fcllen, welche Arbeiten am Text bei dieser Gelegenheit vorgenommen wurden, erscheint es sehr plausibel, dass die heutige Form der Vinayas ein Ergebnis des zweiten Konzils ist. Man hat sich wahrscheinlich \u00fcber die wesentlichen Strukturen und Themen geeinigt, w\u00e4hrend die Einzelheiten in den verschiedenen Klostergemeinschaften \u00fcber die folgenden Generationen ausgearbeitet wurden; das Ergebnis sind die verschiedenen Vinayas, die wir heute haben.<\/p>\n<p>Wenn wir dieses Szenario ernst nehmen, dann legt es nahe, dass der Gro\u00dfteil der Vinayatexte, wie wir sie heute haben, lange nach dem Tod des Buddha hinzugef\u00fcgt wurde. Das steht wiederum im Gegensatz zu den Suttas, die unmittelbarer vom Buddha zu stammen scheinen und weniger stark bearbeitet sind.<\/p><\/blockquote>\n<p>Viel bleibt im Bereich der Authentizit\u00e4t der Vinayatexte noch zu erforschen, und besonders im Hinblick auf die Rolle der Frauen und Nonnen in diesem Zusammenhang. Wir werden niemals in die Vergangenheit reisen k\u00f6nnen, um den Buddha nach seinen Absichten zu befragen, aber aus den fr\u00fchen Suttas scheint es sehr klar, dass es einen hohen Grad an Gleichberechtigung zwischen M\u00f6nchen und Nonnen gab, und dass sie viel Kontakt untereinander hatten. Das hat sich jedoch mit der Zeit ge\u00e4ndert, selbst zu Lebzeiten des Buddha schon, als sich der wachsende Sangha einer Gesellschaft anpassen musste, in der gleiche Behandlung alles andere als die Regel war.<\/p>\n<p>Gehen wir zu den Grundlagen der Lehre des Buddha selbst zur\u00fcck: All diese Unterschiede, die wir zwischen Menschen wahrnehmen, sind nur das: sie sind Wahrnehmungen, blo\u00dfe Fata Morganen, die die Menschen irgendwann glauben. Unsere Aufgabe besteht dann darin, in uns hineinzuschauen und zu verstehen, woher diese Wahrnehmungen kommen, und ihre wirkliche Natur zu erkennen. Aber es ist auch unsere Aufgabe, anderen zu helfen, dass sie erkennen, wie diese Wahrnehmungen ihr Verhalten beeinflussen und wie dieses Verhalten anderen Individuen oder Gruppen schaden kann.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass der Buddha <strong>Menschen als Menschen betrachtet<\/strong> hat. \u201eGetrennt, aber gleich\u201c ist f\u00fcr mich eine Illusion, die es nie wirklich geben kann. \u201eTrennung\u201c bringt an sich Ungleichheit mit sich. Wahrer Fortschritt ist nur m\u00f6glich, wenn wir alle Menschen einschlie\u00dfen, unabh\u00e4ngig von Rasse, Gesellschaftsschicht, biologischem oder sozialem Geschlecht. Nur wenn wir uns auf unsere Gemeinsamkeiten ausrichten, anstatt uns und andere \u00fcber unsere Unterschiede zu definieren, k\u00f6nnen wir tats\u00e4chlich anfangen, einander als Mitmenschen zu begreifen.<\/p>\n<h4>Literatur:<\/h4>\n<ol>\n<li>Lily A. Saffer, 2013.<br \/>\nSex Segregation in Public Schools: Separate But Equal?<br \/>\nWilliam &amp; Mary Journal of Women and the Law.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/scholarship.law.wm.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?article=1358&amp;context=wmjowl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/scholarship.law.wm.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?article=1358&amp;context=wmjowl<\/a><\/li>\n<li>Robert H. Neumann, 1957.<br \/>\nApartheid: South Africa<br \/>\nThe Harvard Crimson<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.thecrimson.com\/article\/1957\/2\/26\/apartheid-south-africa-psince-he-came\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Apartheid: South Africa | News | The Harvard Crimson<\/a><\/li>\n<li>Claire McCann, 2017.<br \/>\nSeparate but Equal? Gender Segregation in UK Schools<br \/>\nOxford Human Rights Hub<br \/>\n<a href=\"http:\/\/ohrh.law.ox.ac.uk\/separate-but-equal-gender-segregation-in-uk-schools\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/ohrh.law.ox.ac.uk\/separate-but-equal-gender-segregation-in-uk-schools\/<\/a><\/li>\n<li>Lasni Buddhibhashika Jayasooriya, 2018.<br \/>\nCaste in Popular Buddhism in Sri Lanka<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/322738478_Caste_in_Popular_Buddhism_in_Sri_Lanka\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/322738478_Caste_in_Popular_Buddhism_in_Sri_Lanka<\/a><\/li>\n<li>Bhikkhu Sujato, 2007<br \/>\nBhikkhuni Vinaya Studies<br \/>\nSantipada<br \/>\n<a href=\"http:\/\/santifm.org\/santipada\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Bhikkhuni_Vinaya_Studies_Bhikkhu_Sujato.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/santifm.org\/santipada\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Bhikkhuni_Vinaya_Studies_Bhikkhu_Sujato.pdf<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Von Ayya Vimala; deutsch von Anagarika Sabbamitta) Originalartikel Man kann unsere spirituelle Praxis nicht getrennt von der Welt betrachten, in der wir leben, und unsere heutige westliche Welt ist von der Indiens zur Zeit des Buddha grundverschieden. Der Vinaya, der&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.samita.be\/de\/2018\/03\/19\/separate-but-equal-the-ideal-doctrine-for-monastics\/\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3703","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3703"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3703\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4292,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3703\/revisions\/4292"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}