{"id":4441,"date":"2018-10-09T15:00:22","date_gmt":"2018-10-09T13:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.samita.be\/?p=4441"},"modified":"2019-07-18T09:41:49","modified_gmt":"2019-07-18T07:41:49","slug":"saccavadis-story","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.samita.be\/de\/2018\/10\/09\/saccavadis-story\/","title":{"rendered":"Saccavadis Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><em>(\u00dcbersetzung eines Artikels, den Bhante Sujato im Februar 2010 mit einem kleinen Kommentar versehen und <a href=\"https:\/\/sujato.wordpress.com\/2010\/02\/16\/saccavadis-story\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf seinem Blog<\/a> ver\u00f6ffentlicht hat; deutsch von Anagarika Sabbamitta.)<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Der folgende kleine Text wurde von der burmesischen Ex-Bhikkhuni Saccavadi verfasst und wurde vor einiger Zeit verbreitet; ich ver\u00f6ffentliche ihn hier erneut f\u00fcr alle, die ihre Geschichte nicht kennen. Sie war eins der vielversprechendsten Talente unter den Ordinierten ihrer Generation und erreichte regelm\u00e4\u00dfig H\u00f6chstwerte in den staatlich gef\u00f6rderten Sangha-Examina in Myanmar. Das Folgende geschah, als sie als Bhikkhuni nach Myanmar zur\u00fcckkehrte:<\/p>\n<blockquote><p>1981 richtete die burmesische Regierung ein Gremium ein, das sich \u201aStaatlicher Sangha-Nayaka-Rat\u2018 nannte (State Sangha Nayaka Council, im Folgenden SSNC). Dieser Rat besteht aus 47 M\u00f6nchs\u00e4ltesten, deren Aufgabe es ist, bei Meinungsverschiedenheiten in der kl\u00f6sterlichen Gemeinschaft als Schlichter zu dienen und den alten buddhistischen Palikanon auszulegen. Als der SSNC eingerichtet wurde, sprach er allen weiblichen Ordinierten offiziell den Namen \u201aThilashin\u2018 zu. Ungl\u00fccklicherweise bezeichnet dieser Begriff im Vergleich zu \u201aNovize\u2018 und \u201aM\u00f6nch\u2018, wie die m\u00e4nnlichen Ordensangeh\u00f6rigen genannt werden, einen niedrigeren Status. Eine Thilashin darf nur 8 Regeln auf sich nehmen, und das verhindert, dass sie Bhikkhuni werden kann (ein weiblicher M\u00f6nch) mit den dazugeh\u00f6rigen 311 Regeln, wie sie urspr\u00fcnglich vom Buddha vor \u00fcber 2500 Jahren erlassen wurden. Dabei ist zu beachten, dass das Wort \u201aThilashin\u2018 nicht nur mit einem niedrigeren Status verkn\u00fcpft ist, sondern dass es im buddhistischen Palikanon gar nicht vorkommt. Nach dem buddhistischen Palikanon hat der Buddha sowohl M\u00e4nner als auch Frauen zu M\u00f6nchen ordiniert.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nun \u00fcber meine eigenen Erfahrungen mit dem SSNC berichten. 1986, als ich 21 Jahre alt war, wurde ich in Burma zur Thilashin ordiniert. 12 Jahre sp\u00e4ter, Ende 1998, ging ich nach Sri Lanka, um mich in die dortige buddhistische Kultur zu vertiefen und an der Universit\u00e4t Textkritik in der buddhistischen Literatur zu studieren. Ich war \u00fcberrascht, als ich erfuhr, dass es in Sri Lanka Bhikkhunis gab, die Roben in der gleichen Farbe trugen wie die Bhikkhus. Diese Bhikkhunis benutzten, ganz wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen, die Bhikkhus, kein Geld, kochten nicht und lebten allein von den Gaben der Laiengemeinschaft.<\/p>\n<p>Nach 16 Jahren als Thilashin wurde ich nun begierig, die Bhikkhuni-Ordination zu nehmen, nachdem ich erfahren hatte, dass eine solche Gemeinschaft weiblicher buddhistischer M\u00f6nche existierte. Ich beriet mich dar\u00fcber mit den Bhikkhus des burmesischen Tempels in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Man sagte mir, Frauen k\u00f6nnten niemals Bhikkhunis sein. Die Bhikkhus des Tempels legten wegen meiner Absicht, Bhikkhuni zu werden, auch beim SSNC Beschwerde ein. Aber obwohl ich vom SSNC in Burma einen schriftlichen Einspruch erhielt, verfolgte ich meine Ordination in Sri Lanka weiter und legte 2003 die Bhikkhuni-Roben an.<\/p>\n<p>Anfang 2005 hatte ich erfahren, dass mein Vater, der in Burma lebte, schwer krank geworden war. Ich wollte ihn besuchen und flog nach Burma. Der SSNC hatte Kenntnis von meinem Besuch bekommen und er\u00f6ffnete eine formelle Untersuchung bez\u00fcglich meiner Ordination.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich entschied der SSNC, dass es f\u00fcr eine Frau ein Verbrechen w\u00e4re, sich zur Bhikkhuni ordinieren zu lassen. Diese Entscheidung beruhte, so empfand ich es, auf einer einseitigen Auslegung des Palikanons. Am 27. Mai 2005 wurde ich den 47 M\u00f6nchen des SSNC vorgef\u00fchrt. Die M\u00f6nche legten mir ein Dokument vor, auf dem vier Forderungen standen. Die erste Forderung bestand darin, mich dreimal vor dem Rat der M\u00f6nche des SSNC zu verbeugen. Die zweite Forderung bestand darin, meine Bhikkhuni-Roben abzulegen und stattdessen die Roben einer Thilashin anzulegen. Die dritte Forderung verlangte, dass ich das Dokument unterschreiben und damit zugeben sollte, dass ich dumm und im Unrecht sei. Und die vierte Forderung verlangte, dass ich dieses Bekenntnis laut vorlesen sollte.<\/p>\n<p>Ich verbeugte mich dreimal vor den M\u00f6nchen. Was die zweite Forderung betraf, so trat ich hinter einen Wandschirm, zog meine Roben aus und legte Laienkleidung an. Auch bez\u00fcglich der dritten Forderung gab ich nach und unterzeichnete das Dokument, das man mir vorgelegt hatte. Aber ich konnte es nicht \u00fcber mich bringen, mich der vierten Forderung zu beugen. Am Ende weigerte ich mich, die geschriebenen Zeilen vorzulesen, mit denen ich die M\u00f6nche um Vergebung bitten sollte, und richtete mich stattdessen an die Laien im Zuh\u00f6rerraum. Ich sagte zu ihnen:<\/p>\n<p>\u201aBitte vergebt mir, wenn ich eure Unterst\u00fctzung missbraucht haben sollte. Ich habe eure Almosenspeise nicht als Bettlerin entgegengenommen, sondern als Ordensfrau, die sich bem\u00fcht hat, der edlen Lehre des Buddha zu folgen.\u2018<\/p>\n<p>Ein weiteres Mal forderte mich der Rat auf, das Schuldbekenntnis laut vorzulesen, genauso wie es auf dem vorgelegten Papier stand. Ein weiteres Mal weigerte ich mich. Daraufhin teilte mir der Rat mit, dass ich zu f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt w\u00fcrde. Ich wurde sofort in Gewahrsam genommen und schlie\u00dflich in das allgemeine Gef\u00e4ngnis von Yangon geschickt. All das ereignete sich einen Monat nach dem Tod meines Vaters.<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis begegneten mir eine Menge Schwierigkeiten: korrupte Polizei, Androhung von Vergewaltigung sowie f\u00fcrchterliche Lebensbedingungen. Selbstmordgedanken kamen auf, die irgendwann einer frischen Energie wichen und mich entschlossen machten, mich f\u00fcr eine barmherzigere Auslegung des Theravada-Buddhismus im Umgang mit weiblichen Ordinierten einzusetzen. Die Gefangenen bekamen weder Betten noch Decken oder Kissen, und das Gef\u00e4ngnis war so \u00fcberbelegt, dass wir gezwungen waren, auf dem Boden nebeneinander auf der Seite liegend zu schlafen. Moskitos, Wanzen und Ratten bel\u00e4stigten uns t\u00e4glich. Sanit\u00e4re Anlagen gab es praktisch keine. Die D\u00e4cher waren undicht, so dass die Gefangenen oft nass wurden. Urin und F\u00e4kalien flossen aus den Toiletten \u00fcber auf den Boden. Mir wurde bald klar, dass das Gef\u00e4ngnis ein Ort war, an dem die Insassen oft vorzeitig starben.<\/p>\n<p>Ich wurde schlie\u00dflich nach 76 Tagen Dienst entlassen. Meine vorzeitige Entlassung verdankte ich der Tatsache, dass die BBC und das RFA (Radio Free Asia) \u00fcber meine Notlage berichteten, sowie der Hilfe von Mitgliedern meiner Familie, von denen einige einen milit\u00e4rischen Hintergrund besa\u00dfen. Ich erhielt eine neue Chance, die vier Forderungen des SSNC zu erf\u00fcllen. Ich leistete den vier Forderungen Folge und las auch mein Schuldbekenntnis laut vor. In Burma war ich nicht l\u00e4nger willkommen; man brachte mich zum Flughafen und setzte mich in eine Maschine nach Sri Lanka, wo ich gleich bei der Ankunft meine Bhikkhuni-Roben anlegte und mich wieder ins Kloster begab. Ich setzte meine buddhistische Praxis fort und nahm meine Doktorarbeit am Postgraduierten-Institut f\u00fcr Pali und Buddhismuskunde der Universit\u00e4t von Kelaniya wieder auf.<\/p>\n<p>Im Ganzen, das m\u00f6chte ich sagen, war meine 16j\u00e4hrige Erfahrung als Thilashin und meine 5j\u00e4hrige Erfahrung als Bhikkhuni eine positive. Ich hatte die Ehre, in meinem Leben gro\u00dfen Lehrern zu begegnen, sowohl M\u00e4nnern als auch Frauen. Die Mehrheit der M\u00f6nche, die ich traf, waren im Grunde gute Menschen, und viele unterst\u00fctzen die Ordination von Frauen zu Bhikkhunis.<\/p>\n<p>Bleibt abschlie\u00dfend, meine feste \u00dcberzeugung zu betonen, dass Burma eine Regierung im demokratischen Stil haben sollte, dass Kirche und Staat getrennt sein sollten und dass sowohl M\u00e4nnern als auch Frauen die Religionsfreiheit garantiert sein sollte. Burma leidet unter einer sehr hohen Armuts- und Arbeitslosenquote. Korruption ist g\u00e4ngige Praxis. Nach meinem Empfinden kann Burma erst dann in Frieden und Wohlstand leben, wenn die Milit\u00e4rregierung und die demokratisch gew\u00e4hlte Pr\u00e4sidentin Aung Sang Su Kyi, die gegenw\u00e4rtig unter Hausarrest steht, zusammenarbeiten und sich f\u00fcr Vers\u00f6hnung einsetzen und dabei das Wohl des Landes im Sinn haben. Von der internationalen Gemeinschaft sollte alle Hilfe angenommen werden, die diese leisten kann.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach ihrer Entlassung kehrte Bhikkhuni Saccavadi nach Sri Lanka zur\u00fcck. Sp\u00e4ter ging sie in die USA und lebte dort mit ihrer Freundin Bhikkhuni Gu\u1e47as\u0101r\u012b, die zur Zeit, als der Artikel verfasst wurde, au\u00dfer ihr die einzige burmesische Bhikkhuni war. Ihre traumatischen Erfahrungen f\u00fchrten dazu, dass Saccavadi im Februar 2008 die Robe ablegte.<\/p>\n<p>Aus diesem kleinen Aufsatz scheint eine Ruhe, mit der das Geschehene angenommen wird, sowie ein sanftes Lob f\u00fcr die Freundlichkeit von M\u00f6nchen; meiner Erfahrung nach ist eine solche Haltung typisch f\u00fcr jene Frauen, die bei ihrer Berufung zu Bhikkhunis geblieben sind. Ich k\u00f6nnte noch hinzuf\u00fcgen, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass im Ausland lebende burmesische M\u00f6nche Bhikkhunis stillschweigend unterst\u00fctzen. Es ist kein ethnisches Problem, sondern ein ideologisches.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(\u00dcbersetzung eines Artikels, den Bhante Sujato im Februar 2010 mit einem kleinen Kommentar versehen und auf seinem Blog ver\u00f6ffentlicht hat; deutsch von Anagarika Sabbamitta.) 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