{"id":5362,"date":"2019-12-25T02:15:37","date_gmt":"2019-12-25T01:15:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.samita.be\/?p=5362"},"modified":"2019-12-25T14:15:14","modified_gmt":"2019-12-25T13:15:14","slug":"christmas-75-years-on","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.samita.be\/de\/2019\/12\/25\/christmas-75-years-on\/","title":{"rendered":"Weihnachten \u2026 75 Jahre sp\u00e4ter"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Ayya Vimala, Deutsch von Anagarika Sabbamitta<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Weihnachten 1944. Der k\u00e4lteste Winter in der Geschichte der Ardennen beginnt. Der Boden ist gefroren, und Schnee bedeckt die Landschaft. Und es wird noch viel mehr schneien. Beinahe idyllisch sieht es aus, w\u00e4re da nicht die harte Wirklichkeit dahinter. Die Soldaten des 347. Infanterieregiments, 87. Infanteriedivision, schlie\u00dfen das kleine Dorf Bonnerue ein; es liegt etwa einen Kilometer von der Stelle, wo heute das Kloster Tilorien steht. Das Dorf ist eine wichtige Verbindung f\u00fcr die deutschen Nachschublinien, und es muss eingenommen werden.<\/p>\n<p>Vor einem Monat haben sie ihren Marsch begonnen, aber der m\u00fchsamste Teil des Unterfangens steht ihnen noch bevor. Sie werden in heftige K\u00e4mpfe in der frostigen Landschaft verwickelt werden, ihre Zehen werden erfrieren, und sie bekommen Wundbrand. Sie werden in Fuchsbauten unter dem Schnee schlafen, und es ist schwer, diese in dem fest gefrorenen Boden auszugraben. Sie wissen nicht, wo sie sind, und hinter jedem Baum, um jede Ecke kann der Tod lauern. Die Ardennenoffensive hat gerade begonnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5365 size-medium\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/87thInfantry_Division_347th__I_WWII_BOB-L-300x250.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/87thInfantry_Division_347th__I_WWII_BOB-L-300x250.jpg 300w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/87thInfantry_Division_347th__I_WWII_BOB-L.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5363 size-medium\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Battle-of-the-Bulge-300x219.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"219\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Battle-of-the-Bulge-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Battle-of-the-Bulge-768x560.jpg 768w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Battle-of-the-Bulge.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Im letzten Monat ging ich an einem sch\u00f6nen sonnigen Herbsttag mit Anagarika Sabbamitta zu einem Spaziergang in die W\u00e4lder um das Kloster Tilorien. Die Sonne l\u00e4sst die bunten Bl\u00e4tter golden leuchten. Der Weg ist zunehmend \u00fcberwachsen und h\u00f6rt dann auf, aber wir gehen weiter. Ein St\u00fcck weiter sehen wir unter den B\u00e4umen eine Szene, die wenig Zweifel daran l\u00e4sst, was hier geschehen ist. Zwischen den B\u00e4umen, etwa einen Kilometer von der Stra\u00dfe, finden wir drei olivbraune Autos von der Art, wie sie die US-Armee benutzte, um ihre Offiziere zu bef\u00f6rdern. Die olivbraune Farbe war eine gewissse Tarnung, und die dicken Sandreifen machten sie gel\u00e4ndetauglich. Das erste Auto muss direkt von einer Artillerie- oder Panzergranate getroffen worden sein. Die einzigen sichtbaren Teile sind eine Achse und etwas, das wie der hintere Teil eines Jeeps aussieht, am Boden eines Kraters. Das zweite wurde in die Luft geschleudert, \u00fcberschlug sich und landete auf einem anderen. Dieses dritte steht mit weit ge\u00f6ffneten T\u00fcren da. Darum herum sind \u00fcberall Einschlagskrater. Das war ein direkter Angriff mit der Absicht, zu t\u00f6ten. Hat jemand \u00fcberlebt? Werden wir das jemals wissen? Wir halten inne und chanten das Metta-Sutta.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5371 size-medium\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135325-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135325-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135325-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135325-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135325-1170x878.jpg 1170w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135325.jpg 1664w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5370 size-medium\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135655-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135655-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135655-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135655-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135655-1170x878.jpg 1170w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135655.jpg 1664w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Nach 75 Jahren ist die Szene eine stille Erinnerung an diesen Krieg, von dem es hie\u00df: \u201aDas darf nie wieder passieren\u2018. L\u00e4nger als jemals zuvor hatten wir in diesen L\u00e4ndern Frieden. Ein Frieden, der uns bislang ungekannten Wohlstand gebracht hat. Aber er hat auch zu einem bedeutenden Bev\u00f6lkerungswachstum und zu stetig wachsender Nachfrage nach nat\u00fcrlichen Ressourcen gef\u00fchrt. Das hat nicht wieder gutzumachende Sch\u00e4den an den \u00d6kosystemen unseres Planeten verursacht, und das Gleichgewicht der Natur ist gekippt. Es hat einen Prozess angesto\u00dfen, der nicht zu stoppen ist. Die Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind beinahe ausgestorben, und die Erinnerung verblasst. Der zweite Weltkrieg hat seinen Platz in den Geschichtsb\u00fcchern zwischen anderen blutigen Schlachten der Vergangenheit gefunden. Die politische Landschaft polarisiert sich zunehmend, Hass w\u00e4chst auf beiden Seiten. Auch das haben wir schon gesehen. Und damit schlie\u00dft sich langsam der Kreis, und unsere Autos sind nicht mehr nur eine stille Erinnerung an eine ferne Vergangenheit, sondern sie werden zu einer d\u00fcsteren Warnung f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Aber inmitten all der Verw\u00fcstung der Ardennenoffensive finden wir auch Geschichten von Liebe und Verst\u00e4ndnis, von Erfahrungen, aus denen wir lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung in Kellern Schutz sucht, ohne Heizung und fast ohne Essen, verbindet eine junge Lehrerin den Arm eines deutschen Soldaten. Er wurde von einem Amerikaner angeschossen und ist jetzt sein Gefangener. Auf dem Weg zum amerikanischen Hauptquartier, wo alle Gefangenen hingebracht werden, m\u00fcssen die beiden in einem Keller Unterschlupf suchen, da die heftigen Luftangriffe das Weiterreisen unm\u00f6glich machen. Die anderen Bewohner dieses Kellers sind nicht erfreut \u00fcber den deutschen Soldaten in ihrer Mitte und bringen ihre Abneigung deutlich zum Ausdruck. Die Lehrerin reicht ihnen eine Tasse warme, d\u00fcnne Kartoffelsuppe. Der Deutsche nimmt sie in seine zitternden H\u00e4nde und weint vor Dankbarkeit. Diese Lehrerin, Mitglied des Wiederstandes, sein Feind, bringt ihm Liebe und F\u00fcrsorge entgegen. Seit Wochen hatte er nichts Warmes zu essen. W\u00e4re die Situation anders gewesen, h\u00e4tte er umgekehrt sie gefangengenommen, h\u00e4tte er den Befehl gehabt, sie zu exekutieren.<\/p>\n<p>Sie aber sieht nur einen Menschen, der genau wie sie ein Opfer der Umst\u00e4nde ist und der Liebe und F\u00fcrsorge braucht. Sie hat den Mut, \u00fcber die \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten hinwegzublicken, den wirklichen Menschen dahinter zu sehen und ihm diese bedingungslose Liebe entgegenzubringen.<\/p>\n<p>Mit der Zeit gew\u00f6hnen sich die Bewohner des Kellers an seine Anwesenheit.<\/p>\n<div id=\"attachment_5383\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5383\" class=\"wp-image-5383 size-medium\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/def-poi212-martyred-town-of-houffalize-2-300x232.jpg\" alt=\"ww2 basement in Houffalize\" width=\"300\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/def-poi212-martyred-town-of-houffalize-2-300x232.jpg 300w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/def-poi212-martyred-town-of-houffalize-2.jpg 625w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-5383\" class=\"wp-caption-text\">Zivilisten in einem Keller in Houffalize<\/p><\/div>\n<p>Ein 13j\u00e4hriger Junge sitzt in der Ecke und spielt Gitarre. Er kann nur ein St\u00fcck, das er wieder und wieder spielt, um sich aufrecht zu halten. Er hat seine Eltern verloren. Sein Vater wurde von deutschen Soldaten hingerichtet, nachdem sie im Kirchturm des Dorfes ein Radio gefunden hatten. Der deutsche Soldat setzt sich zu ihm, und obwohl sie keine gemeinsame Sprache sprechen, bringt er dem Kind ein paar neue Lieder bei, hilft ihm, ein klein wenig Gl\u00fcck zu finden. Und trotz ihres ungewissen Schicksals hebt die Musik auch die Stimmung der anderen Menschen in der Unterkunft.<\/p>\n<p>Es waren allein die bedingungslose Liebe und das Mitgef\u00fchl einer Lehrerin, die ihre Herzen weich machten. Durch ihre G\u00fcte begannen die Menschen, einander nicht als Feinde zu betrachten, sondern als Menschen. Solche Liebe braucht viel Mut, aber sie hat so viel Kraft.<\/p>\n<p>Doch die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Nach dem Krieg treffen sich die Lehrerin, die beiden Soldaten und der Junge wieder und schreiben ihre Geschichte auf. Die Geschichte verbreitet sich, und nach 75 Jahren ist sie immer noch sehr lebendig. Sie erinnert uns an die Bedeutung der Liebe, ganz besonders unter so au\u00dferordentlich schwierigen Umst\u00e4nden.<\/p>\n<p>Diese Geschichte kommt mir in den Sinn, als wir auf die Einschlagskrater blicken, die jetzt von einem dicken Teppich aus herbstlichen Bl\u00e4ttern bedeckt sind. Die Menschen, die Teil des Dramas waren, das sich hier vor 75 Jahren abgespielt hat, sind inzwischen alle tot. Doch die Autos bleiben als eine stille Erinnerung daran, dass alles vergeht, aber auch als ein Zeichen f\u00fcr Hoffnung, Liebe und Mut. Hier liegen die wahren Schlachtfelder.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-5373\" src=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135538-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135538-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135538-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135538-1170x1560.jpg 1170w, https:\/\/www.samita.be\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_20191110_135538.jpg 1248w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Ayya Vimala, Deutsch von Anagarika Sabbamitta Weihnachten 1944. Der k\u00e4lteste Winter in der Geschichte der Ardennen beginnt. Der Boden ist gefroren, und Schnee bedeckt die Landschaft. Und es wird noch viel mehr schneien. Beinahe idyllisch sieht es aus, w\u00e4re&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.samita.be\/de\/2019\/12\/25\/christmas-75-years-on\/\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5362","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5362"}],"version-history":[{"count":38,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5362\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5430,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5362\/revisions\/5430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.samita.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}